Douglas Gordon: By Douglas Gordon

Goldstaub und Geständnisse: Still aus dem Dokumentarfilm, © Parcel of Rogues Douglas Gordon by Douglas Gordon, 2026

Ein ebenso launiges wie intimes Filmporträt über den schottischen Künstler hat auf den Berliner Filmfestspielen Premiere

Dass dies keine konventionelle Künstlerdoku ist, wird schon nach den ersten Minuten klar. Douglas Gordon sitzt im Atelier, Goldstaub auf dem verlebten Gesicht, um den Hals dicke Silberketten, und fragt den Regisseur in die Kamera hinein, wie der Film denn nun eigentlich heißen soll. Und liefert die Antwort gleich selbst hinterher: „Portrait of a perilous character“ – Porträt eines gefährlichen Typen – schreibt er an die Küchenwand: „Wenn das nicht der Titel wird, kannst du das Ganze vergessen!“, droht er dem Filmemacher. Kein poliertes Künstlerstatement, eine ruppige Ansage, die klar machen soll, wer hier das Sagen hat.

Zum Glück hat sich Regisseur Finlay Pretsell von solchen Provokationen nicht abschrecken lassen. So ist ihm ein überraschend subjektives, zuweilen konfrontatives und schmerzhaft intimes Porträt des Künstlers gelungen, das mit vielen Konventionen des Genres bricht. Hier werden nicht brav Lebens- und Karrierestationen abgehakt – dafür gibt’s schließlich Wikipedia. Der Künstler wird auch nicht als mythenumrankter Meister gefeiert und seine genialen Werke abgefilmt wie in Wim Wenders Biopic Anselm. Das Rauschen der Zeit. Der Großteil des Films findet in Gordons Atelier statt. Das ist weder flugzeughangargroß noch so schön aufgeräumt wie bei Anselm Kiefer. Dafür dürfen wir dem launischen schottischen Künstler beim kindlichen Experimentieren und wilden Philosophieren zuschauen. Gelegentlich auch beim Rasieren. 

Still aus der Doku Douglas Gordon By Douglas Gordon, © Parcel of Rogues

Das ist spannend, irritierend und manchmal auch ein bisschen peinlich. In seiner Berliner Fabriketage fackelt Gordon erst ein T-Shirt mit feministischer Botschaft ab und streift sich den verkokelten Rest dann über. Er lässt Glühbirnen auf einer Spiegelfläche zersplittern, streut Goldstaub ins Scheinwerferlicht, pustet Seifenblasen in die Luft und lässt sich das Ohrläppchen schwarz tätowieren. Ob das nun schon Performance-Kunst ist oder nur die üblichen Lockerungsübungen, bleibt offen. Vor laufender Kamera schlüpft Gordon jedenfalls gekonnt in die Rolle des schillernden, genderfluiden Künstlertypen. Nur um dieses Bild wenig später schon wieder zu hinterfragen. Es würde ihn nerven, dass Künstler immer als Verrückte und Exoten dargestellt würden, sagt er, wischt sich den Goldstaub aus dem Gesicht und singt mit rührend schöner Stimme ein schottisches Volkslied. 

Still aus Douglas Gordon By Douglas Gordon, © Parcel of Rogues

Als jemand, der sich selbst intensiv mit Film und Fotografie beschäftigt, weiß Douglas Gordon natürlich genau, wie ikonische Bilder entstehen. Und wie man sie künstlerisch instrumentalisieren kann. In 24 Hour Psycho, seinem vielleicht bekanntesten Werk, mit dem er den Turner Prize gewann, dehnte er Alfred Hitchcocks Kultklassiker Psycho durch extreme Zeitlupe auf eine Laufzeit von 24 Stunden aus. In seinem Video Zidane: A 21st Century Portrait, das in Cannes Premiere hatte, sezierte er jede kleinste Bewegung des Fußballstars Zinédine Zidane bis hin zu dessen berühmt-berüchtigten Kopfstoß, der ihn 2006 aus der WM katapultierte.

Um so erstaunlicher, dass über Gordons größte künstlerische Erfolge gar nicht groß geredet wird. Stattdessen spricht er lieber über seine Familie, über Träume und Ängste, Altern und Tod. Wie ungeschützt er das tut, wie verwundbar er sich vor der Kamera zeigt, welche Haken er schlägt, in welche Widersprüche er sich verstrickt und welche Einfälle ihm spontan kommen, das ist die eigentliche Sensation dieses Films. Manchmal erinnern die Gespräche fast mehr an psychoanalytische Sitzungen als an ein Filminterview. Dann wieder, wenn die Sprache schleppend wird und die Pausen immer länger, fragt man sich, ob da wohl ein paar Biere zuviel oder andere Drogen im Spiel waren. 

Einmal schmeißt Gordon das Kamerateam sogar richtig unwirsch raus. Diese Szene landet ebenso im fertigen Film wie die vielen unverschämten Voice-Messages, die er auf der Mailbox des Regisseurs hinterlassen hat. Das verleiht dem Projekt einen zusätzlichen Hauch von Cinéma vérité. Und ist zudem auch ziemlich lustig. In Zeiten, wo Künstlerbiografien kuratiert werden wie Lifestyle-Magazine, jeder Soundbyte kontrolliert, jedes Interview zigmal durchredigiert und rundgeschliffen wird, wirkt dieses stachelige Biest eines Dokumentarfilms umso erfrischender. Dazu auch ausgesprochen mutig und selbstbewusst für einen Filmemacher, der vorher Dokus über Extremsportler gemacht hat. Sogar auf seinen Wunschtitel musste Douglas Gordon am Ende verzichten. Douglas Gordon By Douglas Gordon trifft’s einfach besser.

Filmemacher Finlay Pretsell, © Parcel of Rogues