Ilker Çataks Drama über die verheerenden Folgen politischer Hexenjagd in der Türkei wird zum Besten Film der Berlinale gekürt
Ilker Çataks Spielfilm erzählt von einem gut situiertem Künstlerpaar in Ankara, das wegen regierungskritischer Äußerungen erst seine Arbeit und materielle Sicherheit verliert, dann seinen intellektuellen Resonanzraum, und schließlich das Vertrauen zueinander. Derya (Özgü Namal) ist eine gefeierte Theaterschauspielerin, ihr Ehemann Aziz (Tansu Biçer) Hochschulprofessor und Dramaturg am Nationaltheater. Zur Premiere seines neusten Stücks, in dem Derya die Hauptrolle spielt, gibt es noch großen Applaus. Kurz darauf flattert ihm die fristlose Kündigung ins Haus, angeblich, weil er seinen Lehrverpflichtungen nicht nachgekommen ist und seine Student:innen zu Protesten angestachelt hat.

Das Theaterstück wird abgesetzt. Und auch Derya erhält einen gelben Kündigungsbrief, nachdem sie sich im Theater darüber beschwert und dem Management politischen Opportunismus vorgeworfen hat. Auf einmal ist das Paar arbeitslos. Schon bald können sie sich ihre schöne große Wohnung nicht mehr leisten und ziehen zu Azizs Mutter nach Istanbul, wo sie unter wesentlich beengteren Verhältnissen klarkommen müssen. Und die Familiendynamik mehr und mehr ins Wanken gerät. Der konservative Schwager gibt sich gönnerhaft, die Solidarität mit den protestierenden Kollegen zerbricht. Aziz nimmt einen Job als Taxifahrer an. Denn auch für die Privatschule ihrer verhätschelten Tochter wird das Geld knapp. Ezgi (Leyla Smyrna Cabas) ist 14 und findet das ganze intellektuelle Getue ihrer Eltern nervig. Über das Ideal ihres Vaters, dass man mit Theater die Welt verändern kann, lacht sie nur.

Derweil schreibt Aziz an einem neuen Stück über die politische Hexenjagd im Land, dass er an einem Istanbuler Off-Theater inszenieren will – natürlich mit seiner Frau in der Hauptrolle. Doch die liebäugelt heimlich schon mit einer gut bezahlten Rolle in einer TV-Serie im Staatsfernsehen. Neben der familiären Krise droht Aziz aufgrund seiner Social Media-Beiträge dann auch noch ein Gerichtsprozess wegen Präsidentenbeleidigung, der ihn für Jahre ins Gefängnis bringen könnte.
Auch wenn der Name Erdogan niemals fällt, verweist die Filmhandlung damit deutlich auf die andauernde Säuberungswelle in der Türkei seit dem Putschversuch 2016, mit der die Regierung missliebige Akademiker, Künstler und Journalisten durch Kündigungen und Berufsverbote mundtot zu machen versucht. Oder sie wegen staatsfeindlicher Aktivitäten gleich ins Gefängnis sperrt. Für Filmemacher Çatak, der in Berlin geboren und aufgewachsen ist und dessen Oscar-nominiertes Schuldrama Das Lehrerzimmer vor drei Jahren in der Panorama-Sektion Premiere feierte, ist Gelbe Briefe das politischste Projekt seiner Karriere. Und der erste Film, den er komplett in türkischer Sprache drehte.

Nicht aber in der Türkei! Als Drehorte wählte Çatak nur Locations in Deutschland. Berlin wurde zum Stand-in für Ankara, Hamburg fungierte als Kulisse für Istanbul. So wird der Fernsehturm am Alex fiktionalisierter Teil der Ankara-Skyline, die Bosporus-Fähre schippert durch den Hamburger Hafen und türkische Strafrichter sitzen im Landgericht am Sievekingplatz. Das funktioniert überraschend gut, gerade weil die Orte nicht zwanghaft orientalisiert wurden, sondern als Stellvertreter-Architekturen erkennbar bleiben und dem Film so eine universellere Lesart geben.
Stilistisch erinnert Gelbe Briefe mit seinen dichten, wortreichen Dialogen, dem familiären Fokus und episodenhaften Aufbau ansonsten stark an türkische Fernsehserien. Dass Hauptdarstellerin Özgü Namal dort auch als Telenovela-Star bekannt ist, nutzt Çatak für einen besonderen dramaturgischen Dreh. In der Filmhandlung lässt sich Derya heimlich für die Hauptrolle in einer TV-Serie des Staatsfernsehens casten, obwohl derselbe Sender vorher Lügen über sie und ihren Mann verbreitet hat. Das führt zum folgenschweren Familienstreit und der Flucht der minderjährigen Tochter.

Um sie wiederzufinden, werfen die panischen Eltern ihre aufgeklärte Haltung vollends über Bord und besorgen sich über illegale Polizeikanäle die Adresse des Freundes ihrer Tochter. Den bedrohen sie dann ohne Not in seinem eigenen Haus. Und verbrennen damit all ihr moralisches Kapital: Der Staat mag diesen Künstlertypen übel mitgespielt haben, aber wenn’s ernst wird, verhalten sie sich auch nicht viel besser. Für diesen Plot verrät Ilker Çatak auf den letzten Metern die Ideale seiner Protagonisten. Und vermasselt sein ambitioniertes Drama über staatliche Willkür, politischen Widerstand und verletzliche Familienbande mit einem halbgaren Telenovela-Schluss.